07.1 Personalpronomen & Co.

07.1 Personalpronomen & Co.

Im Deutschen lauten die Personalpronomen (บุรุษสรรพนาม /,bu-,rut ‚sap-’Pa-na:m/) im Singular ich, du bzw. Sie, er, sie, es und im Plural wir, ihr bzw. Sie, sie. Damit sind alle genannt. Die Wahl eines adäquaten Personalpronomens als Anrede gestaltet sich sehr einfach, denn als Alternativen stehen nur du, respektive ihr bzw. Sie zur Verfügung.

Dagegen ist das thailändische Personalpronomensystem für den Deutsch-Muttersprachler ungewöhnlich differenziert und kompliziert, denn es gibt eine Fülle verschiedener Personalpronomen. So werden im Thai beispielsweise nicht nur Titel und Verwandtschaftsbezeichnungen, sondern auch Vor- und Spitznamen in der Funktion von Personalpronomen verwendet.

Neben der großen Anzahl der Personalpronomen fallen besonders die vielfältigen Möglichkeiten ins Auge, die zur Verfügung stehen. So kann man beispielsweise einen Lehrer, je nach Gesprächssituation, mit du, Sie, aber auch mit seinem Beruf anreden.

Für ich benutzen weibliche und männliche Sprecher größtenteils unterschiedliche Personalpronomen. Man kann im Thai für ich sogar den eigenen Vornamen verwenden, was sich für den Deutsch-Muttersprachler zunächst äußerst befremdlich anhört, denn der Sprecher nimmt in der dritten Person Bezug auf sich selbst, ganz so, wie es ein Kleinkind tut, das den Begriff ich noch nicht kennt.

Eine weitere Besonderheit der thailändischen Personalpronomen, insbesondere pronominal verwendeter Berufs-, Status-, Titel- und Verwandtschaftsbezeichnungen, besteht darin, dass sie sich sowohl auf die erste als auch auf die zweite oder dritte Person beziehen können. Zur Verdeutlichung sollen die Beispiele (1) und (2) dienen. Abhängig von der Gesprächssituation, d. h. je nachdem, wer die Äußerung in (1) macht, ergeben sich drei verschiedene Übersetzungen:

(1)

วันนี้พ่อยังไม่ได้กินข้าว

 

/wan

’ni:

ˆPɔ:

jang

ˆmai

ˆdai

gin

ˆKa:u/

วัน

นี้

พ่อ

ยัง

ไม่

ได้

กิน

ข้าว

Tag

dies–

Vater

noch

NEG

PERF

essen

Reis

(a) Ich habe heute noch nicht gegessen. (Der Vater spricht.)

(b) Du hast heute noch nicht gegessen. (Jemand spricht zum Vater.)

(c) Er hat heute noch nicht gegessen. (Jemand spricht vom Vater.)

Auch echte Personalpronomen [07.1.1] sind größtenteils nicht auf eine bestimmte Person festgelegt. Für Beispiel (2) gibt es – je nach Kontext – wiederum mehrere Übersetzungsmöglichkeiten.

(2)

วันนี้เธอยังไม่ได้กินข้าว

 

/wan

’ni:

Tö:

jang

ˆmai

ˆdai

gin

ˆKa:u/

วัน

นี้

เธอ

ยัง

ไม่

ได้

กิน

ข้าว

Tag

dies–

?

noch

NEG

PERF

essen

Reis

(a) Du hast heute noch nicht gegessen.

(b) Er hat heute noch nicht gegessen.

(c) Sie hat heute noch nicht gegessen.

(d) Es hat heute noch nicht gegessen.

(e) Ihr habt heute noch nicht gegessen.

Der Gebrauch der Personalpronomen ist Ausdruck von sozialer Identität. So kommt es zum Beispiel darauf an, wer mit wem redet. Spricht man mit einem Freund, einem Vorgesetzten oder mit einem Angestellten? Ist ein Vorgesetzter, eine Machtperson oder ein Fremder zugegen? Übersetzungen ins Deutsche gestalten sich oft sehr schwierig, da die thailändischen Personalpronomen, wie eingangs bereits erwähnt, soziale Stellung, Seniorität etc. widerspiegeln. Letztendlich hängt die Wahl eines adäquaten Personalpronomens von vielen Faktoren ab, dazu gehören beispielsweise:

  • Alter (Seniorität)

  • Geschlecht

  • Macht und Status

  • Beziehung der Sprecher zueinander (Familienbeziehung, Freundschaft, Solidarität)

  • Vertrautheitsgrad bzw. Distanz

  • Gesprächssituation (Formalität, Anwesenheit von Kindern, Respektspersonen, Fremden)

  • Haltung und Gefühlsausdruck (Anbiederung, Verärgerung, Wunsch nach Distanz / Nähe)

Die oben aufgeführten Faktoren für die Wahl eines angemessenen Personalpronomens zeigen zwar, dass es bestimmte Regeln gibt, nach einer allgemeingültigen Faustregel sucht man jedoch vergeblich. Der Sprecher muss sich ständig auf die gegebene Gesprächssituation einstellen und anpassen.

Vorzugsweise im informellen Gespräch werden Personalpronomen sehr oft weggelassen, sofern aus dem Kontext klar hervorgeht, von wem oder von was die Rede ist. Auf diese Weise entstehen wie in den Beispielen (3a) und (3b) Sätze ohne Subjekt, die der Hörer ohne ausreichenden Kontext nicht eindeutig zuordnen kann und sich fragen muss: Wer geht heute? Wer mag etwas oder nicht?

(3a)

ไปวันนี้

(3b)

ชอบหรือเปล่า

 

/pai

wan

’ni:/

 

/ˆtschɔ:p

ˇrü:

‚plau/

ไป

วัน

นี้

ชอบ

หรือ

เปล่า

gehen

Tag

dies–

mögen

oder

NEG

Auch werden Personalpronomen im Dialog häufig wissentlich weggelassen, um einem sprachlichen Fauxpas aus dem Wege zu gehen, denn ein falsch gewähltes Personalpronomen kann den Sprecher in eine prekäre Lage bringen. Nicht von ungefähr ist während des Kennenlernprozesses eine häufig gestellte Frage: Wie alt sind Sie? Die Strategie ist auch dann anwendbar, wenn man jemandem nicht den von ihm möglicherweise erwarteten Respekt erweisen oder eine ungewollte Vertrautheit bzw. Distanz vermeiden möchte.

Da das Thai eine flexionslose Sprache ist, bleiben Personalpronomen immer unverändert. Sie werden in derselben Form als Subjekt und Objekt verwendet. Ausschließlich durch die Positionierung der Satzelemente wird deutlich, welche grammatische Funktion das einzelne Element erfüllt.

(4a)

เขาเห็นผม

(4b)

ผมเห็นเขา

 

/ˇKau

ˇhen

ˇPom/

 

/ˇPom

ˇhen

ˇKau/

เขา

เห็น

ผม

ผม

เห็น

เขา

3

sehen

1

1

sehen

3

Er sieht mich.

Ich sehe ihn.