03.3 Die Ellipse

03.3 Die Ellipse

Bei dem Phänomen Ellipse (auch Aussparung, Reduktion, Elimination, Ersparung) geht es um etwas, das nicht vorhanden ist. Im Grunde geht es also um Nichts. Thai ist eine sehr prägnante, knappe und idiomatische Sprache. Besonders im gesprochenen Thai sind, sofern der kontextuelle Rahmen es zulässt, viele Satzelemente optional und können folglich weggelassen werden. So kommen im Thai Sätze auch ohne Subjekt aus. Dieses Phänomen gibt es ebenfalls – wenn auch wesentlich seltener – in der deutschen Sprache:

(A)

Was macht Petra?

(B)

Ich weiß nicht, ich habe sie schon lange nicht gesehen.

Obwohl in der Antwort das Subjekt fehlt, ist im Deutschen allein durch die Flexionsendung des zweiten Verbs (haben habe) klar, wer der Akteur ist. Im Thai, das zu den flexionslosen Sprachen zählt, erlaubt erst der Kontext Rückschlüsse auf das Subjekt. Dieses gehört wohl zu den am häufigsten ausgelassenen Satzelementen. Im folgenden Beispiel gibt es weder ein Subjekt, noch ein direktes und auch kein indirektes Objekt. Der ganze Satz besteht aus sechs Verben:

(1)

ต้องรีบไปซื้อมาให้

 

/ˆtɔngˇ

ˆri:p

pai

’sü:

ma:

ˆhai/

ต้อง

รีบ

ไป

ซื้อ

มา

ให้

müssen

eilen

gehen

kaufen

kommen

geben

V1

V2

V3

V4

V5

V6

Ich muss mich beeilen und es ihm kaufen.

Die deutsche Übersetzung des vorausgehenden Beispiels ist nur eine mögliche von vielen, denn der Sinn des thailändischen Satzes muss aus dem Kontext erschlossen werden. Eine Interpretation wie beispielsweise Du musst dich beeilen und es mir kaufen. wäre also ebenfalls denkbar.

Aber auch andere Satzglieder wie z. B. Präpositionen können weggelassen werden. Bei Sprechakten werden Sätze in der Regel auf das Wesentliche reduziert. Man könnte sagen: Je mehr Wörter ein Satz enthält, desto förmlicher klingt er. Daraus resultiert, dass das Thai eine kontextuelle Sprache ist.

(2A)

หิวหรือยัง

(2B)

ยังไม่หิว

 

/ˇhiu

ˇrü: jang/

 

/jang

ˆmai

ˇhiu/

หิว

หรือยัง

ยัง

ไม่

หิว

Hunger haben

FRAG

noch

NEG

Hunger haben

(a) Hast du schon Hunger?

(a) Ich habe noch keinen Hunger.

(b) Hat er schon Hunger?

(b) Er hat noch keinen Hunger.

Sowohl in (2A) als auch in (2B) fehlt das Subjekt. Eine korrekte Übersetzung ist nur möglich, wenn der Kontext bekannt ist. Statt ich und er sind auch alle anderen Personalpronomen denkbar.

(3A)

ไปกินข้าวกันไหม

(3B)

ไป

 

/pai

gin

ˆKa:u

gan

ˇmai/

 

/pai/

ไป

กิน

ข้าว

กัน

ไหม

ไป

gehen

essen

Reis

REZ

FRAG

gehen

Gehen wir zusammen essen?

Ja.

In (3A) fehlt ebenfalls das Subjekt. Die Antwort in (3B) besteht sogar nur aus einem einzigen Wort und kann nur dann verstanden werden, wenn der kontextuelle Rahmen bekannt ist. ไป könnte beispielsweise auch als Imperativ [08.11] interpretiert werden: Geh! Das folgende Beispiel (4a) soll verdeutlichen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, ein- und denselben Satz wiederzugeben. Wörter, die weggelassen werden können, stehen in Klammern.

(4a)

(เขา)อยู่(ประเทศ)ไทย(มา)นาน(แล้ว)หรือยัง

 

/(ˇKau)

‚ju:

(,pra-ˆTe:t)

Tai

(ma:)

na:n

(’lä:o) ˇrü: jang/

(เขา)

อยู่

(ประเทศ)

ไทย

(มา)

นาน

(แล้ว)หรือยัง

(3)

sich befinden

(Land)

thai

((dV)k.)

lange

FRAG

Ist er schon lange in Thailand?

Beispiel (4a) könnte also u. a. auch so aussehen:

(4b)

อยู่ไทยนานหรือยัง

 

/,ju:

Tai

na:n

ˇrü: jang/

อยู่

ไทย

นาน

หรือยัง

sich befinden

thai

lange

FRAG

Ist er schon lange in Thailand?

In (4b) sind alle „unnötigen“ Satzelemente weggelassen worden. (4b) ist ohne ausreichenden Kontext aufgrund des fehlenden Subjekts nicht verständlich, da der Hörer bzw. Leser nicht weiß, von wem oder von was die Rede ist. Das führt direkt zur nächsten Besonderheit der thailändischen Sprache: Kontext