02.3 Die fünf Töne

02.3 Die fünf Töne

Thai ist eine tonale Sprache (auch Tonsprache), d. h. jede Silbe wird in einem ganz bestimmten Ton ausgesprochen. Der Terminus Ton bezieht sich auf die Tonhöhe bzw. den Tonhöhenverlauf. Der bei der Artikulation verwendete Ton hat eine Auswirkung auf die Bedeutung eines gesprochenen Wortes.

Dagegen haben die unterschiedlichen Töne, die ein Sprecher im Deutschen benutzt, keinen Einfluss auf die Wortbedeutung. Sie dienen größtenteils der Kennzeichnung von Satzarten. Das Wort Tee klingt z. B. in der Frage „Du willst Tee?“ ganz anders als in dem Satz „Ich will keinen Kaffee, ich will Tee!“ Im ersten Beispiel wird Tee in einem fragenden Ton artikuliert. Dadurch wird aus einem Aussagesatz eine Frage. Im zweiten bringt der Sprecher durch den Ton, in dem er Tee ausspricht, einfach nur ein Gefühl, nämlich seinen Unmut, zum Ausdruck. Egal in welchem Ton man Tee spricht, die Bedeutung dieses Wortes ändert sich dadurch nicht.

Ganz anders verhält es sich im Thai. Der Thaisprecher drückt durch die Töne in der Regel keine Gemütsbewegungen aus. Das macht er, indem er bestimmte Abtönungspartikeln [15.5] hinzufügt. Er deutet durch den Ton auch keine Frage an, dazu benutzt er Interrogativpronomen [07.6] oder Fragepartikeln [15.1]. Er verwendet die verschiedenen Töne dazu, einem Wort die von ihm beabsichtigte Bedeutung zu verleihen, oder anders: Die Töne, die er benutzt, sind bedeutungsunterscheidend. Insgesamt gibt es im Thai fünf verschiedene Töne.

„Im Gegensatz zu den uns vertrauten indogermanischen Sprachen, bei denen die Phonetik durch die Abfolge der Konsonanten und Vokale definiert ist, kommt dem Thai als Tonalsprache als zusätzliches Element gleichberechtigt die Betonung hinzu. Diese ist durch die sogenannten Tonregeln festgelegt. Auch wenn die nun folgenden Beispiele für unsere Ohren sehr ähnlich klingen, für einen Thai sind dies ganz unterschiedliche Wörter: Sie unterscheiden sich in ihrer Schreibweise und in der dadurch auch festgelegten Betonung sowie letztendlich in ihrer Bedeutung.“ (Friedrich Schmiel)

(1)

ไมล์

/ma:i/

Meile

(2)

มั้ย

/’mai/

(eine Fragepartikel)

(3)

ใหม่

/,mai/

neu

(4)

ไหม

/ˇmai/

Seide

(5)

ไหม้

/ˆmai/

brennen

I. Der mittlere Ton

Die Tonhöhe des mittleren Tons (เสียงสามัญ /ˇsi:ang ˇsa:-man/) entspricht der charakteristischen, normalen Stimmlage des Sprechers. Er wird in der phonetischen Darstellung nicht wie die übrigen vier Töne extra markiert, d. h. jede Silbe ohne Tonzeichen wird im mittleren Ton gesprochen.

ดี

/di:/

gut

ลม

/lom/

Wind

เรา

/rau/

wir

II. Der hohe Ton

Der hohe Ton (เสียงตรี /ˇsi:ang tri:/) wird im Vergleich zum mittleren deutlich höher ausgesprochen. Er ähnelt dem Ton, den man im Deutschen benutzt, um z. B. Verwunderung auszudrücken: „Das warst doch sicher du, oder?“ „Wer, ich?“ Der hohe Ton wird in der phonetischen Darstellung durch das Zeichen // vor der entsprechenden Silbe repräsentiert.

มด

/mot/

Ameise

ชี้

/tschi:/

zeigen

รุ้ง

/rung/

Regenbogen

III. Der tiefe Ton

Der tiefe Ton (เสียงเอก /ˇsi:ang ,e:k/) wird im Vergleich zum mittleren mit gesenkter Stimme, also deutlich tiefer ausgesprochen. Er wird durch das Zeichen /,/ angezeigt.

สี่

/,si:/

vier

สัตว์

/,sat/

Tier

กลิ่น

/,glin/

Geruch

IV. Der steigende Ton

Wie sein Name schon ausdrückt, wird der steigende Ton (เสียงจัตวา /ˇsi:ang ‚dschat-,ta-wa:/) aus einer tieferen Stimmlage in eine höhere gezogen. Man könnte ihn auch den fragenden Ton nennen, denn er entspricht dem Ton, mit dem man im Deutschen eine Frage andeutet: „Du willst Tee?“ Der steigende Ton wird durch das Zeichen /ˇ/ dargestellt.

ฉัน

/ˇtschan/

ich

หนาว

/ˇna:u/

kalt

ไหน

/ˇnai/

wo

V. Der fallende Ton

Der fallende Ton (เสียงโท /ˇsi:ang To:/) ist stark akzentuiert und wird aus einer höheren Stimmlage in eine tiefere gezogen. Er entspricht dem Ton, mit dem man im Deutschen einen Befehl gibt: Halt! Der fallende Ton wird in der phonetischen Darstellung durch das Zeichen /ˆ/ angezeigt.

พ่อ

/ˆPɔ:/

Vater

แม่

/ˆmä:/

Mutter

ลูก

/ˆlu:k/

Kind

Der Ton bezieht sich immer nur auf eine Silbe. Mehrsilbige Wörter bestehen häufig aus Silben mit unterschiedlichen Tönen. Deshalb werden diese Wörter in der Lautschrift der Deutlichkeit halber stets in die einzelnen Silben zerlegt. Dazu folgen drei Beispiele:

ลูกสาว

ลูก|สาว

/ˆlu:k ˇsa:u/

Tochter

ปลาไหล

ปลา|ไหล

/pla: ˇlai/

Aal

มะละกอ

มะ|ละ|กอ

/’ma-’la-gɔ:/

Papaya

Was ein einziger falscher Ton im Satz bewirken kann, zeigen die Beispiele (1) und (2):

(1)

ฉันกินพอแล้ว

(2)

ฉันกินพ่อแล้ว

 

/ˇtschan

gin

Pɔ:

’lä:o/

 

/ˇtschan

gin

ˆPɔ:

’lä:o/

ฉัน

กิน

พอ

แล้ว

ฉัน

กิน

พ่อ

แล้ว

1

essen

genug

PERF

1

essen

Vater

PERF

Ich habe genug gegessen.

Ich habe Vater gegessen.